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Goethe als Muslim

Ein Vortrag von Prof. Katharina Mommsen: Goethes Blick auf die islamische Welt – Beweise für seine Zuneigung zum Islam aus Briefen, Gedichten und dem West-östlichen Divan

Ein Vortrag mit dem Titel: „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident. Goethes Blick auf die Islamische Welt“ gehalten von Prof. Katharina Mommsen.

✏️ Goethe und das Christentum

Goethe sagte zum Ende seines Lebens: „Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche.“ (Eckermann, 11.3.1832)

In seinem „West-östlichen Divan“ betont Goethe den Wert des kostbaren gegenwärtigen Augenblicks anstelle der christlichen Haltung des Wartens auf die nächste Welt. Goethe lehnt das christliche Bild von Jesus ab und bestätigt die Einheit Allahs in einem Gedicht:

Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
Kränkte seinen heil'gen Willen.
Und so muß das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

Neben Jesus und Muhammad nennt Goethe in den folgenden Versen auch Abraham, Moses und David als Repräsentanten der Einheit Gottes. Bekannt ist Goethes starke Abneigung gegen das Symbol des Kreuzes: „Mir willst du zum Gotte machen / Solch ein Jammerbild am Holze!“

In „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (Buch 2, Kap. 2) schrieb Goethe, dass es eine „verdammungswürdige Frechheit“ sei, mit diesen tiefen Geheimnissen zu spielen. Im Siebenschläfer-Gedicht des „West-östlichen Divan“ bezeichnet Goethe Jesus als Propheten: „Ephesus gar manches Jahr schon, / Ehrt die Lehre des Propheten / Jesus.“

🏭 Goethe und Islam

Als junger Mann wollte Goethe Philologie bzw. Arabistik studieren – sein Vater bestand jedoch auf dem juristischen Studium. Zeitlebens bewunderte er die ersten Arabienreisenden und las fasziniert alles, was sie veröffentlichten.

Als Goethe 1814/1815 seinen „Divan“ verfasste, hatte er sich mit Professoren für Orientalistik im Lesen und Schreiben des Arabischen geübt. Er kopierte eigenhändig kurze arabische Bittgebete (Du'as) und schrieb: „In keiner Sprache ist vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert.“

Im Alter von siebzig Jahren schreibt Goethe, dass er beabsichtige, „ehrfurchtsvoll jene heilige Nacht zu feiern, wo der Koran vollständig dem Propheten von obenher gebracht ward“. Er sagte auch, der Koran sei von den echten Verehrern „für unerschaffen und mit Gott gleich ewig erklärt worden“ und werde „für ewige Zeiten höchst wirksam verbleiben“.

📖 Die Quran-Studien und der West-östliche Divan

Bis heute besitzen wir Handschriften seiner ersten intensiven Quran-Studien aus den Jahren 1771/1772. Goethe las den Mitgliedern der Herzogsfamilie von Weimar und ihren Gästen die deutsche Übersetzung des Quran von J. Hammer laut vor – Schiller und seine Frau berichten darüber.

Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag' ich nicht! ...
Daß er das Buch der Bücher sei
Glaub' ich aus Mosleminen-Pflicht

Goethe studierte arabische Handbücher, Grammatiken, Bücher über die Lebensgeschichte (Sira) des Propheten und pflegte einen umfangreichen Austausch mit Orientalisten aus ganz Deutschland.

✨ Bedeutsame Zeichen

Goethe betrachtete es als Teil seines Schicksals und als Zeichen von Allah, dass ihm im Herbst 1813 eine alte arabische Handschrift mit der letzten Sure (114) des Quran gebracht wurde. Im Januar 1814 wohnte er einem Freitagsgebet von Muslimen, Baschkiren aus der russischen Armee, im protestantischen Gymnasium Weimars bei. Er schrieb dazu: „Wer durfte wohl vor einigen Jahren verkünden, dass in dem Hörsaale unseres protestantischen Gymnasiums mahometanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Korans würden hergemurmelt werden, und doch ist es geschehen.“

Am 24.2.1816 veröffentlichte Goethe folgenden Satz: „Der Dichter (Goethe) ... lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei.“ In einem Gedicht seines Divan heißt es:

Närrisch, daß jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.

🌍 Die Einheit Gottes in der Natur

Neben seiner Faszination für die Sprache des Quran empfand Goethe eine große Anziehung für seine religiöse und philosophische Bedeutung: die Einheit Gottes sowie die Überzeugung, dass Gott sich in der Natur, in der Schöpfung offenbare. Er sagte, wir sollten „Gottes Größe im Kleinen“ erkennen und bezog sich dabei auf das Bild der Fliege aus Sure Al-Baqara, Vers 25.

In einem Brief an Blumenthal (28.5.1819) bezog sich Goethe auf Sure Ibrahim, Vers 4: „denn es ist wahr, was Gott im Koran sagt: Wir haben keinem Volk einen Propheten geschickt, als in seiner Sprache!“ Diese Aussage wiederholte er auch in einem Brief an Carlyle.

In seinem „Mahomet“ verfasste Goethe seinen berühmten „Mahomets Gesang“. Auf einer Handschrift schrieb er am 27.1.1816: „Oberhaupt der Geschöpfe – Muhammed.“

✅ Hingabe in den Willen Gottes

Goethes berühmte Divan-Verse: „Hätt' Allah mich bestimmt zum Wurm, / So hätt' er mich als Wurm geschaffen.“ Auch sagte er über die Parabeln des Divan: „sie lehren und bestätigen den eigentlichen Islam, die unbedingte Ergebung in den Willen Gottes“.

Nach dem Tod seiner geliebten Frau Christiane plante Goethe eine Reise zu Marianne von Willemer, um sie erneut zu heiraten – ein Unfall an der Kutsche beendete die Reise. Goethe nahm dies als Schicksalswink und schrieb: „Und so müssen wir denn wieder im Islam, (das heißt: in unbedingter Hingebung in den Willen Gottes) verharren...“

Als 1831 viele Menschen an der Cholera starben, schrieb er tröstend: „Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Muth machen.“

❓ Prophet, nicht Poet

Nach Eckermanns Bericht (11.4.1827) über die Erziehungsmethode der Muslime, die unablässig mit den Gegensätzen der Existenz konfrontiert und den Zweifel zur Gewissheit wandeln lässt, schloss Goethe: „Sie sehen, dass dieser Lehre nichts fehlt und dass wir mit allen unsern Systemen nicht weiter sind und dass überhaupt niemand weiter gelangen kann.“

Goethe bestätigte Muhammad als Propheten: „Er sei Prophet und nicht Poet und daher auch sein Koran als göttliches Gesetz und nicht etwa als menschliches Buch, zum Unterricht oder zum Vergnügen, anzusehen.“

📚 Literaturempfehlung

Empfehlenswerte Literatur zu diesem Thema, bei uns zum Herunterladen und ausleihbar: „Bruder Johann Ibn Goethe“ (PDF-Datei) – Die unbekannte Überzeugung des deutschen Dichters zum Islam, Autor: Muhammad Ibn Ahmad Ibn Rassoul, Verlag: Islamische Bibliothek.

Das Verhältnis Goethes zum Islam, zum Quran, zum Propheten Muhammad und zur arabischen Sprache ist sehr bemerkenswert und interessant. Goethe verhielt sich nicht „nur“ fair und gerecht gegenüber dem Islam, sondern bekannte sich zweifellos mit Offenheit und Zivilcourage zum Islam.

📄 Schaikh 'Abdulqadir Al-Murabit – autorisiert vom Amir der Gemeinschaft der Muslime in Weimar, Hajj Abu Bakr Rieger – Weimar, 19. Dezember 1995. Quelle: Islamische Zeitung, Nr. 5, 1995