Dr. Murad Wilfried Hofmann
Deutscher Diplomat, Jurist und Autor – ehemaliger NATO-Pressesprecher und deutscher Botschafter in Algerien und Marokko – konvertierte 1980 zum Islam – Autor mehrerer islamwissenschaftlicher Bücher
🌍 Erste Begegnungen mit dem Orient
Wie für einen Westeuropäer typisch, begegnete ich der islamischen Welt nicht etwa zuerst über Al-Ghasalis „Elixier der Glückseligkeit“, sondern recht kursorisch im Geschichts- und Religionsunterricht sowie in den Reiseschilderungen von Karl May.
Die Geschichtserläuterungen waren noch von der Sicht der Kreuzfahrer mitgeprägt; im Religionsunterricht erschien der Islam als nachchristlicher Anachronismus. Und Karl Mays exotische Romantik ließ die Welt des Islam eben auch im orientalischen Stereotyp von Scheherazade erstarren.
Gleichwohl empfand ich schon damals eine starke Zuneigung zur islamischen Kunst, wie sie mir in Berliner Museen, besonders aber in Spanien – mit der großen Moschee von Cordoba, der Giralda von Sevilla, der Alhambra von Granada (als Vorgeschmack des Paradieses) – erstmals begegnete. Ich ahnte die gewaltige Bewegung, die über 1000 Jahre hinweg von Andalusien bis Indien ethnisch-regionale Traditionen und Formgebungen dergestalt umbilden konnte, dass islamische Kunst ohne jede erkenntnistheoretische Vorbildung unverwechselbar zu identifizieren ist.
🗡️ Algerien und der unsichtbare Glaube
Mein Berufsleben führte mich zu unmittelbarem Kontakt mit islamischen Ländern – Algerien, Jugoslawien, der Türkei. Die Begegnung mit den monumentalen Zeugnissen des Islam in diesen Regionen regte mich zum Studium der geistig-religiösen Grundlagen dieser islamgeprägten Umwelt stärker denn je an.
Wichtiger jedoch war das Erlebnis dessen, was den algerischen Muslimen während des mörderischen Bürgerkriegs bis 1962 möglich war. Ganz offenbar auf ihren Glauben gestützt, ertrugen sie in stoischem Gleichmut unglaubliche Provokationen und schmerzlichstes Leid. Dies besser ergründen zu können, las ich erstmals – in französischer Übersetzung – den Qurʾan, über den ich bis dahin nur Goethes oft zitiertes Urteil kannte.
🔬 Philosophischer Agnostizismus und die Frage nach Gott
Jeder „apostatische“ Christ weiß, dass es zunächst einem „Denken des Undenkbaren“ gleichkommt, die Gottesnatur von Jesus vorbehaltlos in Frage zu stellen. Auch ich war dazu erst bereit geworden, nachdem ich eine lange Phase des philosophisch begründeten Agnostizismus durchlaufen hatte, gekennzeichnet von einer erkenntniskritischen Skepsis, welche ich unter Orientierung an Ludwig Wittgenstein sprachkritisch untermauerte.
Damit war ich auf den dritten, letzten Weg der Erkenntnis zurückverwiesen: den Weg authentischer, axiomatisch nicht ausschließbarer Offenbarung. Gott nämlich als Antwort auf die Urfrage nach Kausalität und Finalität. Die Antwort darauf gibt der Qurʾan:
⛳ Der Vollender der Ein-Gott-Idee
Den endgültigen Durchbruch zur Erkenntnis eines einzigen, liebenden Gottes für alle brachte das Christentum. Doch wurde gerade dies durch die wörtliche Auslegung der Gotteskindschaft Jesu im Trinitätsdogma wieder verfälscht. In dieser Sicht war Muhammad (ﷺ) der notwendige Vollender der Ein-Gott-Idee (la ilaha illa Allah) und das Siegel der vorausgegangenen Propheten (wa Muhammad rasul Allah), der die Bewunderung für Jesus und seine Leistung nur noch erhöht hat.
🏭 Der Islam ohne Vermittler
Es charakterisiert die Stärke und Modernität des Islam, dass er ohne Liturgie, kirchliche Hierarchie und Dogmatik und ohne Priestertum auskommt. Der Muslim ist daher wie kein anderer existentiell auf sich selbst und auf seinen Gott verwiesen.
Diese zwei zeitunabhängigen Schlüsselelemente des Qurʾan von Mekka gaben für ihn den Ausschlag, sich schließlich zu bekennen: „Alhamdulillah, ein Muslim westlicher Herkunft.“
📚 Werk und Vermächtnis
Dr. Murad Wilfried Hofmann war ein deutscher Diplomat, der unter anderem als Pressesprecher der NATO und als deutscher Botschafter in Algerien und Marokko tätig war. Nach seiner Konversion verfasste er bedeutende Werke der islamischen Literatur, darunter sein „Tagebuch eines deutschen Muslims“ – die Aufzeichnung einer durchreflektierten Konversion, eine „erlebte Islamkunde“, entwickelt in der Auseinandersetzung eines europäischen Akademikers als Muslim mit den Werte- und Glaubensvorstellungen der heutigen westlichen Gesellschaft.
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