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Die Toleranz des Propheten gegenüber anderen Religionen

Von M. Abdulsalam – Die Sahiefah, Religionsfreiheit und die Barmherzigkeit Muhammads gegenüber Nicht-Muslimen

🕊️ Einleitung

Die Umgangsweise des Propheten mit anderen Religionen kann am besten mit dem Vers aus dem Qur'an beschrieben werden:

„Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion."
Quran 109:6

Die Arabische Halbinsel war in der Zeit des Propheten eine Region, in der es Menschen völlig unterschiedlichen Glaubens gab. Es gab Christen, Juden, Zoroastrier, Götzendiener und noch andere, die mit gar keiner Religion in Verbindung standen. Wenn man das Leben des Propheten betrachtet, findet man zahlreiche Beispiele, die den hohen Grad der Toleranz zeigen, die er Andersgläubigen gegenüber gezeigt hat.

Um diese Toleranz zu verstehen und zu beurteilen, muss man die Zeitspanne betrachten, in der der Islam ein formaler Staat war. Diese Diskussion beschränkt sich auf die Zeitspanne, die mit der Auswanderung des Propheten nach Medina begann und zu der die Gründung des Staates geschah.

📜 Die Sahiefah – Die erste Konstitution

Das beste Beispiel für die Toleranz, die der Prophet gegenüber anderen Religionen zeigte, ist möglicherweise die Konstitution selbst, die von den frühen Historikern „Sahiefah" genannt wurde. Als der Prophet nach Medina auswanderte, endete seine Rolle als bloßer religiöser Führer; er war jetzt politischer Führer eines Staates. Er legte eine Konstitution fest, in der die Verantwortlichkeiten aller Gruppen, die in Medina weilten, deren Verpflichtungen untereinander und bestimmte Einschränkungen, die jeder auferlegt wurden, enthielt. Alle Gruppen mussten dem gehorchen, was darin festgelegt wurde, und jeglicher Bruch von Gesetzen wurde als Verrat betrachtet.

🤝 Eine Nation – Alle Bewohner Medinas

Der erste Artikel der Verfassung besagte, dass alle Bewohner Medinas – die Muslime ebenso wie diejenigen von den Juden, Christen und Götzendienern, die den Pakt eingegangen waren – „eine Nation unter Ausschluss aller anderen" bildeten. Alle wurden als Bewohner und Mitglieder der Gesellschaft Medinas betrachtet, ungeachtet ihrer Religion, Rasse oder Abstammung.

Menschen anderen Glaubens wurden vor Schaden genauso geschützt wie die Muslime: „den Juden, die uns folgen, steht Hilfe und Gleichheit zu. Keinem soll Schaden zugefügt werden, noch soll seinen Widersachern geholfen werden."

Da die Muslime die Oberhand besaßen, warnte der Prophet entschieden davor, Menschen anderen Glaubens schlecht zu behandeln. Er sagte:

„Wer einen Menschen tötet, der einen Pakt mit den Muslimen geschlossen hat, wird nie den Duft des Paradieses riechen."
Sahieh Muslim
„Seid gewarnt! Wer grausam und hart zu einer nicht-muslimischen Minderheit ist; oder ihre Rechte beschneidet; oder ihnen mehr aufbürdet, als sie ertragen können; über den werde ich (Prophet Muhammad) mich am Tag des Gerichts beklagen."
Abu Dawud

🕌 Jedem seine eigene Religion

In einem anderen Artikel heißt es: „die Juden haben ihre Religion und die Muslime haben ihre." Hier wird klar, dass nichts anderes als Toleranz geduldet wird und dass, obgleich sie alle Mitglieder einer Gesellschaft waren, jeder seine eigene Religion hatte, die nicht beleidigt werden durfte. Jedem war erlaubt, seinen Glauben frei ohne irgendwelche Behinderungen auszuüben.

Besonderer Nachdruck wird auf den Artikel gelegt, der besagt: „Wenn irgendein Streit oder irgendeine Meinungsverschiedenheit auftaucht, die Unruhe verursacht, muss die Angelegenheit vor Gott und seinen Gesandten gebracht werden."

„Wenn sie nun zu dir kommen, so richte zwischen ihnen oder wende dich von ihnen ab..."
Quran 5:42

⛪ Freiheit religiöser Versammlungen

Durch die Zustimmung zur Konstitution besaßen die Juden die vollständige Freiheit, ihre Religion auszuüben. Die Juden besaßen in Medina zur Zeit des Propheten ihre eigene Schule, mit dem Namen Bait-ul-Midras, wo sie die Thora lasen, beteten und lehrten.

Der Prophet betonte in vielen Briefen an seine Abgesandten, dass religiöse Institutionen nicht beschädigt werden sollten. In einem historischen Brief an die religiösen Führer von Saint Catherine auf Berg Sinai schrieb er:

„Dies ist eine Botschaft von Muhammad ibn Abdullah als ein Bündnis mit denjenigen, die das Christentum annehmen, nah und fern, dass wir mit ihnen sind. Wahrlich, ich, die Helfer und meine Anhänger verteidigen sie, denn Christen sind meine Bürger; und bei Gott! Ich leiste ihnen Beistand gegen alles, das ihnen missfällt. Es wird keinen Zwang auf sie geben. Ihre Richter werden nicht von ihren Posten entfernt, noch ihre Mönche aus den Klöstern. Keiner wird ein Haus ihrer Religion zerstören, es beschädigen oder etwas von dort in muslimische Häuser bringen. Sollte irgendjemand etwas davon nehmen, würde er das Bündnis Gottes beschmutzen und Seinem Propheten ungehorsam sein. Wahrlich, sie sind meine Verbündeten und haben mein Versprechen für ihre Sicherheit, gegen alles, was sie hassen. Keiner zwingt sie, zu reisen oder verpflichtet sie, zum kämpfen. Die Muslime werden für sie kämpfen. Wenn eine weibliche Christin mit einem Muslim verheiratet ist, wird nichts ohne ihre Zustimmung stattfinden. Sie darf nicht davon abgehalten werden, die Kirche zu besuchen, um dort zu beten. Ihre Kirchen stehen unter unserem Schutz. Sie werden weder davon abgehalten, sie zu reparieren, noch wird die Unversehrtheit ihrer Bündnisse angezweifelt. Keiner von dieser Gemeinschaft (der Muslime) darf das Bündnis brechen bis zum Letzten Tag (dem Ende der Welten)."

Bei einer anderen Gelegenheit empfing der Prophet eine Delegation von sechzig Christen aus der Region Najran in seiner Moschee. Als die Zeit für ihr Gebet kam, wendeten sie sich nach Osten und beteten. Der Prophet ordnete an, dass sie in der Moschee gelassen werden sollten und ihnen kein Schaden zugefügt werden durfte.

🏛️ Politik und Zusammenarbeit

Es gibt ebenfalls Beispiele aus dem Leben des Propheten, in denen er mit Menschen anderen Glaubens auch auf politischer Ebene kooperierte. Er wählte einen Nicht-Muslim, Amr ibn Umaiyah ad-Damri aus, um ihn als Botschafter zu Negus zu schicken, dem König von Äthiopien.

„Es gibt keinen Zwang im Glauben..."
Quran 2:256

💚 Die Barmherzigkeit Muhammads gegenüber Nicht-Muslimen

Der Prophet Muhammad wurde als „Gnade für alle Welten" angekündigt:

„Wir sandten dich als Gnade für alle Welten."
Quran 21:107

Die Empfänger dieser Gnade waren nicht nur auf die muslimische Gemeinschaft beschränkt, sondern auch Nicht-Muslime, von denen manche alle ihre Anstrengungen darauf konzentrierten, dem Propheten und seiner Botschaft zu schaden. A'ischa sagte, dass der Prophet nie aus eigenem Antrieb Rache an irgendjemandem übte. Sie betonte auch, dass er niemals Schlechtes mit Schlechtem vergolt, aber er pflegte, zu vergeben und zu verzeihen.

🏔️ Das Gebet von Taif

Zu einem früheren Zeitpunkt seiner Mission reiste der Prophet in die Stadt Taif, um die Bewohner zum Islam einzuladen. Die Führer Taifs behandelten den Propheten allerdings unzivilisiert und grob. Sie wiegelten mehrere Banden gegen ihn auf, die ihn belästigten, schreiend und mit Steinen werfend, bis er Zuflucht in einem Obstgarten suchen musste und seine Füße verletzt und blutverschmiert waren. In tiefem Schmerz sprach er folgendes Gebet:

„O Gott, bei Dir beklage ich meine Schwäche, meinen Mangel an Zuflucht und die Demütigung vor diesen Menschen. Du bist der Gnädigste, der Herr der Schwachen und mein Meister. Wem willst Du mich überlassen? Jemandem fremden, mit einem bösen Willen oder einem Feind, der Macht über mich hat? Wenn Du mir keinen Wert beimisst, stört mich das nicht, denn Deine überreiche Gunst ist mit mir. Ich suche Zuflucht im Licht Deiner Zufriedenheit, durch das alles Dunkel sich verstreut und jede Angelegenheit dieser Welt und der Nächsten richtiggestellt wird, damit nicht Dein Ärger oder das Licht Deines Missfallens auf mich herabkommt. Ich benötige nur Deine Zufriedenheit und Deine Genugtuung, denn nur Du befähigst mich, Gutes zu tun und das Böse zu vermeiden. Es gibt keine Kraft und keine Macht außer Dir."

Da sandte der Herr den Engel der Berge, der den Propheten um Erlaubnis bat, die beiden Berge zusammenzuschieben und die Stadt Taif zu zermalmen. Aus seiner großartigen Duldsamkeit und Gnade heraus antwortete der Gesandte Gottes:

„Nein! Denn ich hoffe, dass Gott aus ihren Lenden Menschen hervorbringt, die Gott Allein anbeten werden und Ihm nichts zur Seite stellen."
Sahih Muslim

🕊️ Vergebung gegenüber den größten Feinden

Die Gnade des Propheten erstreckte sich sogar auf jene, die seinen geliebten Onkel Hamzah getötet und dann dessen Körper geschändet hatten. In der Nacht vor dem Sieg von Mekka akzeptierte Abu Sufyan den Islam aus Furcht vor der Rache des Propheten. Der aber vergab ihm und übte für die Jahre der Feindschaft keine Vergeltung.

Hind, Abu Sufyans Frau, hatte Hamzah' Körper geschändet. Als sie schließlich demütig zum Propheten kam und den Islam annahm, erkannte er sie, sagte aber nichts. Sie war so beeindruckt von seinem Großmut, dass sie sagte: „O Gesandter Gottes, kein Zelt war in meinen Augen verlassener als deines; aber heute ist in meinen Augen kein Zelt liebenswerter als deines."

Als der Prophet schließlich mit einer Armee von 10.000 Kämpfern siegreich in Mekka einzog, übte er an keinem Rache. Er sprach zu den Quraisch:

„O Stamm der Quraisch! Was denkt ihr, was ich mit euch machen werde?" – Sie sagten: „Du wirst Gutes tun. Du bist ein edler Bruder, der Sohn eines edlen Bruders." – Der Prophet sagte darauf: „Dann sage ich euch, was Josef zu seinen Brüdern gesagt hatte: Es gibt keine Schande für euch. Geht! Denn ihr seid alle frei!"
Mukhtasar Sieratur Rasul, Muhammad ibn Sulayman at-Tamiemi

Der Prophet vergab alles; und kein Verbrechen oder kein Überfall an ihm war zu groß, um nicht von ihm vergeben zu werden. Er war das vollkommene Beispiel für Vergebung und Großmütigkeit:

„Übe Nachsicht (, o Muhammad), gebiete das Rechte und wende dich von den Unwissenden ab."
Quran 7:199
„Und nimmer sind das Gute und das Böse gleich. Wehre (das Böse) in bester Art ab, und siehe da, der, zwischen dem und dir Feindschaft herrschte, wird wie ein treuer Freund sein."
Quran 41:34

Fußnoten

[1] Madinan Society at the Time of the Prophet, Akram Diya al-Umari, International Islamic Publishing House, 1995.

[2] „Muslim and Non-Muslims, Face-to-Face", Ahmad Sakr. Foundation for Islamic Knowledge, Lombard IL.

[3] „Mukhtasar Sieratur Rasuul", Muhammad ibn Sulayman at-Tamiemi.

📌 Quelle: Von M. Abdulsalam – © 2008 IslamReligion.com