🕊️ Einleitung
Die Umgangsweise des Propheten mit anderen Religionen kann am besten mit dem Vers aus dem Qur'an beschrieben werden:
Die Arabische Halbinsel war in der Zeit des Propheten eine Region, in der es Menschen völlig unterschiedlichen Glaubens gab. Es gab Christen, Juden, Zoroastrier, Götzendiener und noch andere, die mit gar keiner Religion in Verbindung standen. Wenn man das Leben des Propheten betrachtet, findet man zahlreiche Beispiele, die den hohen Grad der Toleranz zeigen, die er Andersgläubigen gegenüber gezeigt hat.
Um diese Toleranz zu verstehen und zu beurteilen, muss man die Zeitspanne betrachten, in der der Islam ein formaler Staat war. Diese Diskussion beschränkt sich auf die Zeitspanne, die mit der Auswanderung des Propheten nach Medina begann und zu der die Gründung des Staates geschah.
📜 Die Sahiefah – Die erste Konstitution
Das beste Beispiel für die Toleranz, die der Prophet gegenüber anderen Religionen zeigte, ist möglicherweise die Konstitution selbst, die von den frühen Historikern „Sahiefah" genannt wurde. Als der Prophet nach Medina auswanderte, endete seine Rolle als bloßer religiöser Führer; er war jetzt politischer Führer eines Staates. Er legte eine Konstitution fest, in der die Verantwortlichkeiten aller Gruppen, die in Medina weilten, deren Verpflichtungen untereinander und bestimmte Einschränkungen, die jeder auferlegt wurden, enthielt. Alle Gruppen mussten dem gehorchen, was darin festgelegt wurde, und jeglicher Bruch von Gesetzen wurde als Verrat betrachtet.
🤝 Eine Nation – Alle Bewohner Medinas
Der erste Artikel der Verfassung besagte, dass alle Bewohner Medinas – die Muslime ebenso wie diejenigen von den Juden, Christen und Götzendienern, die den Pakt eingegangen waren – „eine Nation unter Ausschluss aller anderen" bildeten. Alle wurden als Bewohner und Mitglieder der Gesellschaft Medinas betrachtet, ungeachtet ihrer Religion, Rasse oder Abstammung.
Menschen anderen Glaubens wurden vor Schaden genauso geschützt wie die Muslime: „den Juden, die uns folgen, steht Hilfe und Gleichheit zu. Keinem soll Schaden zugefügt werden, noch soll seinen Widersachern geholfen werden."
Da die Muslime die Oberhand besaßen, warnte der Prophet entschieden davor, Menschen anderen Glaubens schlecht zu behandeln. Er sagte:
🕌 Jedem seine eigene Religion
In einem anderen Artikel heißt es: „die Juden haben ihre Religion und die Muslime haben ihre." Hier wird klar, dass nichts anderes als Toleranz geduldet wird und dass, obgleich sie alle Mitglieder einer Gesellschaft waren, jeder seine eigene Religion hatte, die nicht beleidigt werden durfte. Jedem war erlaubt, seinen Glauben frei ohne irgendwelche Behinderungen auszuüben.
Besonderer Nachdruck wird auf den Artikel gelegt, der besagt: „Wenn irgendein Streit oder irgendeine Meinungsverschiedenheit auftaucht, die Unruhe verursacht, muss die Angelegenheit vor Gott und seinen Gesandten gebracht werden."
⛪ Freiheit religiöser Versammlungen
Durch die Zustimmung zur Konstitution besaßen die Juden die vollständige Freiheit, ihre Religion auszuüben. Die Juden besaßen in Medina zur Zeit des Propheten ihre eigene Schule, mit dem Namen Bait-ul-Midras, wo sie die Thora lasen, beteten und lehrten.
Der Prophet betonte in vielen Briefen an seine Abgesandten, dass religiöse Institutionen nicht beschädigt werden sollten. In einem historischen Brief an die religiösen Führer von Saint Catherine auf Berg Sinai schrieb er:
Bei einer anderen Gelegenheit empfing der Prophet eine Delegation von sechzig Christen aus der Region Najran in seiner Moschee. Als die Zeit für ihr Gebet kam, wendeten sie sich nach Osten und beteten. Der Prophet ordnete an, dass sie in der Moschee gelassen werden sollten und ihnen kein Schaden zugefügt werden durfte.
🏛️ Politik und Zusammenarbeit
Es gibt ebenfalls Beispiele aus dem Leben des Propheten, in denen er mit Menschen anderen Glaubens auch auf politischer Ebene kooperierte. Er wählte einen Nicht-Muslim, Amr ibn Umaiyah ad-Damri aus, um ihn als Botschafter zu Negus zu schicken, dem König von Äthiopien.
💚 Die Barmherzigkeit Muhammads gegenüber Nicht-Muslimen
Der Prophet Muhammad wurde als „Gnade für alle Welten" angekündigt:
Die Empfänger dieser Gnade waren nicht nur auf die muslimische Gemeinschaft beschränkt, sondern auch Nicht-Muslime, von denen manche alle ihre Anstrengungen darauf konzentrierten, dem Propheten und seiner Botschaft zu schaden. A'ischa sagte, dass der Prophet nie aus eigenem Antrieb Rache an irgendjemandem übte. Sie betonte auch, dass er niemals Schlechtes mit Schlechtem vergolt, aber er pflegte, zu vergeben und zu verzeihen.
🏔️ Das Gebet von Taif
Zu einem früheren Zeitpunkt seiner Mission reiste der Prophet in die Stadt Taif, um die Bewohner zum Islam einzuladen. Die Führer Taifs behandelten den Propheten allerdings unzivilisiert und grob. Sie wiegelten mehrere Banden gegen ihn auf, die ihn belästigten, schreiend und mit Steinen werfend, bis er Zuflucht in einem Obstgarten suchen musste und seine Füße verletzt und blutverschmiert waren. In tiefem Schmerz sprach er folgendes Gebet:
Da sandte der Herr den Engel der Berge, der den Propheten um Erlaubnis bat, die beiden Berge zusammenzuschieben und die Stadt Taif zu zermalmen. Aus seiner großartigen Duldsamkeit und Gnade heraus antwortete der Gesandte Gottes:
🕊️ Vergebung gegenüber den größten Feinden
Die Gnade des Propheten erstreckte sich sogar auf jene, die seinen geliebten Onkel Hamzah getötet und dann dessen Körper geschändet hatten. In der Nacht vor dem Sieg von Mekka akzeptierte Abu Sufyan den Islam aus Furcht vor der Rache des Propheten. Der aber vergab ihm und übte für die Jahre der Feindschaft keine Vergeltung.
Hind, Abu Sufyans Frau, hatte Hamzah' Körper geschändet. Als sie schließlich demütig zum Propheten kam und den Islam annahm, erkannte er sie, sagte aber nichts. Sie war so beeindruckt von seinem Großmut, dass sie sagte: „O Gesandter Gottes, kein Zelt war in meinen Augen verlassener als deines; aber heute ist in meinen Augen kein Zelt liebenswerter als deines."
Als der Prophet schließlich mit einer Armee von 10.000 Kämpfern siegreich in Mekka einzog, übte er an keinem Rache. Er sprach zu den Quraisch:
Der Prophet vergab alles; und kein Verbrechen oder kein Überfall an ihm war zu groß, um nicht von ihm vergeben zu werden. Er war das vollkommene Beispiel für Vergebung und Großmütigkeit:
Fußnoten
[1] Madinan Society at the Time of the Prophet, Akram Diya al-Umari, International Islamic Publishing House, 1995.
[2] „Muslim and Non-Muslims, Face-to-Face", Ahmad Sakr. Foundation for Islamic Knowledge, Lombard IL.
[3] „Mukhtasar Sieratur Rasuul", Muhammad ibn Sulayman at-Tamiemi.