28. Sep 2006, Netzeitung
Muslimische Kopftuchträgerinnen stellen keine Bedrohung westlicher Demokratien dar, wie eine neue Studie zeigt. Ihr Autor Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff rät zu mehr Gelassenheit.
In einer Studie der Konrad Adenauer Stiftung wurden erstmals türkischstämmige muslimische Frauen, die Kopftuch tragen, zu ihren Einstellungen zu Partnerschaft, Gleichberechtigung der Geschlechter und zur Demokratie befragt. Die Ziele und Vorstellungen, die muslimische Frauen von ihrem Leben haben, ähneln in fast allen Bereichen denen der deutschen Gesamtbevölkerung.
Netzeitung: Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?
Wilamowitz-Moellendorff: Ein Ergebnis ist, dass die Einstellungen der Frauen in sehr vielen Fragen denen der deutschstämmigen Bevölkerung ähnlich sind. Sie sind Teil der deutschen Gesellschaft, und als solche muss man sie auch behandeln.
Netzeitung: 79 Prozent wollen möglichst frei und unabhängig sein, 94 Prozent halten es für wichtig, dass die verheiratete Frau ihre beruflichen Wünsche erfüllen kann. Lässt sich das Bild der ideologisch geknechteten Kopftuchträgerin aufrechterhalten?
Wilamowitz-Moellendorff: Nein, das kommt überhaupt nicht heraus. Dieses Bild ist eine Unterstellung, die man empirisch nicht belegen kann.
Netzeitung: Die Frauen halten zu 97 Prozent das Tragen des Kopftuchs für eine religiöse Pflicht, viele sprechen sich aber gegen Kopftuchzwang aus. Wie interpretieren Sie das?
Wilamowitz-Moellendorff: Das Tragen des Kopftuchs ist eine persönliche Entscheidung, die nicht unter Zwang gefällt wird. Wir haben nur einen geringen Einfluss externer Personen festgestellt. Es wird häufig vermutet, dass gerade die männlichen Familienangehörigen Druck ausüben, aber das lässt sich nicht belegen.
Netzeitung: Viele Frauen fühlen sich stärker mit der Türkei als mit Deutschland verbunden und nennen Diskriminierung als Grund. Müssen politische Schlüsse gezogen werden?
Wilamowitz-Moellendorff: Diese Frauen finden schwerer einen Ausbildungsplatz, eine Arbeitsstelle. Das ist ein Auftrag an die deutsche Gesellschaft und an die Politik, hier einen anderen Umgang zu finden. Frankreich geht hart gegen Kopftücher vor, mit ziemlich wenig Erfolg. Also sollten wir einen eigenen Weg in Deutschland finden – und dazu gehört Toleranz, auch wenn uns manche Kleidungsstücke nicht gefallen.
Nr. 77: Das Kopftuch – Entschleierung eines Symbols? Herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., September 2006