Die Ampel ist auf Rot. Die Straße voll mit Autos. Es ist nicht mehr viel Zeit bis zu unserem Treffen. Verflixte Ampel!
…Endlich! Es ist Grün! Ich überholte den einen, mit dem anderen wäre ich beinahe zusammengestoßen. Meine Fahrweise erschrak alle anderen Verkehrsteilnehmer. Ich versuchte, rechtzeitig zu meinen Freunden zu kommen. Ich schaffte es nicht.
Ich entschied mich, den Abend zu Hause zu verbringen. Das wäre eine gute Idee, denn meine Tochter ist krank. Ich parkte vor der Videothek, lieh mir einige Filme aus und fuhr nach Hause.
Meine Frau brachte wie bestellt den Tee und die Kartoffelchips. Sie freute sich sichtlich und wollte sich eben hinsetzen, als ich den Fernseher einschaltete. Und schon begann die Musik zu spielen… Die Arme senkte ihren Kopf und sagte leise: „Ahmed, fürchte Allah“… und ging traurig aus dem Zimmer.
Heute denke ich mir: „Hättest du bloß auf deine wundervolle Ehefrau gehört…“
Mittlerweile wurde es laut bei mir im Zimmer: Musik, Gelächter, Geschrei… Die erste DVD war zu Ende. Die Uhr zeigte auf drei Uhr morgens. Plötzlich bewegte sich der Türknauf langsam. Ich schrie: „Was willst du?!“ – Stille.
Die Tür öffnete sich – und meine kranke Tochter Sarah stand an der Tür. Sie kam näher zu mir und sagte in aller Ruhe: „Schäm dich Papa; fürchte Allah, Papa fürchte Allah!“ – Dann ging sie und schloss die Tür hinter sich.
Ich konnte es kaum glauben: „War das eben meine Tochter?“ Sie schlief schon wieder neben ihrer Mutter. Ich ging ins Wohnzimmer zurück und schaltete die Geräte ab.
Die Stimme meiner Tochter klang immer noch in meinen Ohren: „Schäm dich Papa und fürchte Allah, Papa fürchte Allah!“ Ich bekam eine Gänsehaut, Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn.
Ihre Worte rissen alle Blockaden ab. Sie erinnerten mich an alles, was ich seit geraumer Zeit vernachlässigt hatte: Das Gebet, meine Familie, die Muslime. Dafür hatte ich gesündigt.
Sarah, mit ihren Worten, weckte mich von meinem jahrelangen mentalen Schlaf auf. Mein Herz pochte, ich legte mich auf den Boden. Schließlich: Der Azan ertönte. „Das Gebet ist besser als der Schlaf!“ Ich sagte mir: „Recht hat er! Das Gebet ist besser als der Schlaf. Ich habe zu lange geschlafen.“
Nach der Waschung machte ich mich auf den Weg in die Moschee. Ich betete und las den Quran:
Ich dachte mir voller Bewunderung: „Wie großzügig ist wohl Allahs Barmherzigkeit – Subhanallah!“
💔 Sarah ist tot
Auf dem Heimweg überkam mich eine seltsame Besorgnis um Sarah. Als ich nach Hause kam, saß meine Frau zusammengekauert auf dem Bett und weinte. Sie schaute mich tränenüberströmt an und schrie: „Sarah ist tot!“
Ich nahm sie in die Arme – sie fühlte sich erschreckend kalt an. Ich konnte es nicht glauben. Tränen flossen meine Wangen herunter. Ich strich ihr über ihre weiche Stirn. Ihre letzten Worte dröhnten immer noch in meinen Ohren: „Schäm dich Papa, fürchte Allah, Papa fürchte Allah!“
Ich sagte immer wieder: „Wir gehören Allah und zu Ihm wird die Rückkehr sein.“
Ich küsste sie auf die Stirn und versprach ihr, bis zum Tode standhaft zu bleiben. Dann wandte ich mich an ihre Mutter und sagte unter Tränen: „Sei nicht traurig, denn sie ist nun im Paradies so Allah will; und dort werden wir sie wiedersehen.“
Ich stand lange bei Sarah… sehr lange. Bis Ibrahim mich nach draußen führte. Er sagte mir: „Danke Allah, der dich mit dem Tod deiner Tochter wieder zum Leben auferweckt hat!“
Ich schaue zu ihr, wie sie auf den Schultern der Männer zu Grabe getragen wird – und sehe sie als das Licht, das mir mein Leben erleuchtete.